Geläut

Wenige Jahre nach ihrer Weihe erhält unsere Martinskirche ein Geläut. 1495 liefert der bekannte Gießer Bernhart Lachamann aus Heilbronn drei Glocken.

 

Von Lachamann existieren in Nordbaden, Nordwürttemberg, Franken und Schwaben bis heute noch ca. 125 Glocken.

 

  Große Glocke mittlere Glocke kleine Glocke
Gewicht 1200 kg 700 kg ?
Durchmesser 1,2 m ? ?
Ton F As B
Inschrift „osanna heis ich in unser frawen Er leut ich bernhart lachamann gos mich 1495“ „Ihesus nacarenus rex iudeorum „hilf Jesus maria
       

Dieses Geläut bleibt in Jahrhunderten unverändert. Als im Jahr 1875 anlässlich der Turmerhöhung der Glockenstock abgebrochen wird, müssen die Glocken auf den Kirchhof abgelassen, dort gelagert und später wieder hochgezogen werden.

 

Im Verlauf des 1. Weltkrieges werden in Deutschland die Rohstoffe knapp, so dass der Staat nach und nach Kirchenglocken beschlagnahmt, um daraus Munition herzustellen.

 

So muss die Kirchengemeinde 1917 die kleine Glocke abliefern. Vehemente Proteste sind trotz Unterstützung durch die Landeskirche erfolglos. Der Staat setzt die Ablieferung durch und zerstört damit das über 400 Jahre alte vollständige Lachamann-Geläut.

 

Rein materiell ist der Verlust zwar durchaus erheblich, aber verkraftbar. Der immaterielle Schaden dagegen ist immens und unwiederbringlich.

 

Die Stuttgarter Gießerei Kurtz, die schon Friedrich Schiller zum „Lied an die Glocke“ inspirierte, liefert 1923 eine Ersatzglocke, die leider nur eine kurze Lebensdauer hat, denn sie teilt im 2. Weltkrieg das Schicksal ihrer Vorgängerin.

 

Die Lücke im Geläut wird 1951 erneut geschlossen, wie schon 28 Jahre zuvor durch die Firma Kurtz. Die neue kleine Glocke wiegt 534 kg und klingt wie ihre beiden Vorgängerinnen in B.

 

Ihre Inschrift lautet: 

„Hilf Herr aus tiefer Not

Gegossen war ich in schwerer Zeit

um die gefallenen Helden trag ich Leid“.

 

1958 schafft die Gemeinde eine elektrische Glockenläutanlage an. Damit entfällt das vor allem für die Mesnerin sehr anstrengende Läuten von Hand.

 

500 Jahre tagtäglicher Einsatz gehen an den beiden alten Glocken nicht spurlos vorbei. Deshalb steht 1996 eine Sanierung an. Dazu müssen die Glocken vom Turm herunter. In der Gießerei werden u. a. durch exakt temperierte Erhitzung feine Risse beseitigt. Außerdem werden die metallenen Aufhängungen von 1875 durch hölzerne ersetzt.

 

Dadurch nicht mehr so scheppernd, sondern wieder deutlich weicher und angenehmer klingend, laden die Glocken uns zu den Gottesdiensten ein. Sie tun dies  - hoffentlich – noch weitere Jahrhunderte. Damit gehören sie zu den wenigen „begreifbaren“ Gegenständen, die eine Brücke von den Christen früherer Zeiten über uns Gegenwärtige bis hin zu den nachfolgenden Generationen schlagen.

 

Autor: Tilman Schwarz